Alles hat seine Zeit

Heute habe ich in unsrer Kunstschule zeichnen geübt. Unsere Lehrerin hatte ein Stillleben für mich aufgebaut: eine Kugel, eine Dose, ein Krug, dazu in Falten gelegter Stoff. Es hat tatsächlich 3 Stunden gedauert, bis die Umrisse der einzelnen Bildelemente in der richtigen Form und Größe auf dem Papier zu sehen waren. Ich kam mir richtig dumm vor, dass ich so viel Zeit für eine schlichte Aufgabe brauche. Meine Lehrerin hat mich getröstet: So etwas braucht Zeit, das ist ganz normal!!! Nachmittags habe ich weitergemacht. Ich habe die einzelnen Bildelemente schraffiert, so dass Licht und Schatten entstanden sind und die Gegenstände Volumen bekommen haben. Ich habe ganz vergessen, darüber nachzudenken, wieviel Zeit dabei vergeht. So sehr war ich in die Aufgabe vertieft. Der Nachmittag verging wie im Flug. Noch ist das Stillleben nicht fertig. Aber ich werde gerne dafür nochmals einige Stunden investieren. Letztendlich zählt nur, ob das Ergebnis überzeugend ist, und nicht, wieviel Zeit ich dafür gebraucht habe.

Eine der schwierigsten Aufgaben für Künstler ist es darum auch, einen Preis für ein fertiges Kunstwerk festzulegen. Wieviele Stunden Arbeit stecken darin? Meistens können wir es gar nicht genau sagen. Manchmal steht ein Werk ein paar Tage oder Wochen umher, ohne dass man weiterkommt. Und dann taucht die zündende Idee auf, und man arbeitet fast wie im Rausch und will gar nicht mehr aufhören. Nichts anderes zählt dann mehr als die Vollendung dieses Werkes.

„Alles hat seine Zeit“, steht im Buch des Predigers Salomo (Prediger 3, 1-11). Wie gut ist es, wenn wir uns selbst die Zeit zugestehen, die ein kreativer Prozeß braucht. Wie gut ist es, auszusteigen aus dem Schielen nach der Uhr.  Wie gut ist es, zu arbeiten ohne dabei angetrieben zu werden!

„Alles hat seine Zeit“. Eine uralte Weisheit, für uns wieder ganz neu zu lernen.

Gabriele Koenigs

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