Vom Meister lernen

Ich bin in diesem Sommer in die Türkei gereist, um an einem Meisterkurs Aquarellmalerei teilzunehmen. Ilya Ibryaev, der normalerweise in Moskau lebt und arbeitet, hatte in der Türkei im Antalya Museum eine Ausstellung seiner Werke. Und er hat in dieser Zeit auch eine Meisterklasse durchgeführt. Eine türkische Freundin hat dies alles für ihn organisiert. Seine Werke bewundere ich schon seit längerer Zeit. Ich hatte sie im Internet gesehen. Und nun war da diese großartige Gelegenheit für mich, ihn selbst kennenzulernen und seine Originale zu sehen und ihm zuzuschauen, wie er arbeitet. Da musste ich einfach hin!

Am ersten Tag des Meisterkurses hat er 2 Gemälde für uns gemacht. Wir waren etwas mehr als 30 Teilnehmer/innen. Ich hatte einen wunderbaren Platz bekommen, gerade eine Armlänge von Ilyas rechter Hand entfernt. Ich konnte alles ganz genau sehen, was er tat. Es war so spannend. Manchmal habe ich beinahe vergessen zu atmen. Gerne hätte ich auch verstanden, was er sagte. Aber das war gar nicht möglich. Denn er sprach russisch, und es wurde in türkisch übersetzt. Die Dolmetscherin hat ganz ab und zu auch mal für mich einen Satz in englisch übersetzt, aber das war eigentlich zu viel verlangt. So beschränkte ich mich auf das Schauen, und das war sehr gut. Ich habe wirklich alles beobachtet: welches Papier, welche Pinsel, wie der Arbeitsplatz organisiert ist. Sein Umgang mit den Farben und dem Wasser und dem Schwämmchen. Die Art, wie er sein eigenes Werk betrachtete. Einfach alles. Und einmal, als wir in der Kaffeepause saßen, sagte er zu mir einen Satz, den ich nie mehr vergessen werde. Es war ihm selbst so wichtig, dass er die Dolmetscherin bat, es für mich in englisch zu übersetzen.  Er sagte: „Du darfst beim Malen nicht zu viel denken. Du musst schon wissen, was du machst. Aber lass deine Hand manches intuitiv machen! Sie weiß es schon, wo die Details platziert sein müssen!“ Wow! Genau diesen Eindruck hatte ich schon beim Schauen gewonnen. Ich hatte gesehen, wie seine Hand intuitiv über das Papier wanderte. Ich werde seine Lehre beherzigen. Ich werde meine Hand in Zukunft viel freier arbeiten lassen als zuvor.

 

Jesus wurde auch als Meister betrachtet. Die Gruppe von Menschen, die mit ihm durchs Land zog und traditionellerweise mit dem Ausdruck „Jünger“ bezeichnet wird, schaute ihm zu und hörte ihm zu, beinahe jeden Augenblick. Es gab Momente, in denen er sich zurückzog, vor allem fürs Gebet. Aber sonst waren sie immer um ihn. Wie gut kann ich das nachvollziehen! Sie hatten wahrscheinlich keine sprachlichen Schwierigkeiten, um zu verstehen, was er sagte. Aber oft hörten sie die Worte und verstanden den Sinn nicht. Sehr oft haben sie etwas mißverstanden. Sehr oft mussten sie nachfragen. Er korrigierte ihr Verständnis und wies sie auch manchmal zurecht. Und sie behielten, was sie gelernt hatten, und gaben es großzügig weiter. Wer beim Meister in der Lehre sein durfte, soll das Gelernte weitergeben. So ist es übrigens auch bei mir: Andere in unserer Kunstschule haben mir schon im Vorhinein zu verstehen gegeben, dass sie dann auch hören und sehen wollen, was ich gelernt habe. Ich werde versuchen, es ihnen zu zeigen, so gut ich kann. Die Jünger von damals haben es auch getan, so gut sie konnten. Und so ist die Lehre von unserem Meister Jesus weitergegangen, von Mund zu Ohr, von Herz zu Herz. Auch an mein Ohr ist sie gekommen und vor meine Augen, schon in meiner Kinderzeit. Ich bin dankbar dafür. Und ich versuche seine Lehre zu beherzigen, so gut ich kann und zu bezeugen, was ich glaube.

 

Bei einem wahren Meister in die Lehre zu gehen, ist Gnade pur. Ich bin von Herzen dankbar dafür.

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